Was versteht man unter Orale Chirurgie?
Die Orale Chirurgie ist ein Spezialgebiet innerhalb der Zahnmedizin bzw. der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Im wesentlichen umfasst sie alle ambulant, in örtlicher Betäubung durchführbaren chirurgische Eingriffe in der Mundhöhlen- und Kieferregion.
Was
sind typische Eingriffe in der Oralen Chirurgie?
Entfernung
von retinierten Weisheitszähnen
Chirurgische Freilegung von retinierten
Zähnen
Zahntransplantationen
Wurzelspitzenresektionen
Entfernung von Kieferzysten und
–tumoren
Plastischer Kieferhöhlenverschluss bzw. Kieferhöhlensanierung
Plastische Korrekturen am Zahnfleisch und den Schleimhäuten
Schleimhaut- und Knochenbiopsien als diagnostische Gewebeproben
Postoperativen Verlauf
bei gängigen oralchirurgischen Eingriffen?
Oralchirurgische
Eingriffe werden in der Regel in örtlicher Betäubung durchgeführt.
Nach dem Eingriff lässt die Wirkung der örtlichen Betäubung langsam
nach. Es können Wundschmerzen auftreten. Durch die empfohlenen Verhaltensmaßnahmen
und die verschriebenen Medikamente können diese allerdings in der Regel
sehr gering gehalten werden.
Nach der Operation kann es auch zum Auftreten einer Schwellung kommen, die bis
zum zweiten Tag nach der Operation zunimmt. Bedingt dadurch kann auch die Mundöffnung
erschwert sein. Auch kann der normale Wundheilungsverlauf fallweise durch ein
geringes Ansteigen der Körpertemperatur begleitet sein. Bis zur Nahtentfernung
nach einer Woche ist man im Normalfall beschwerdefrei.
Richtiges Verhalten nach Oralchirurgischen Eingriffen?
Am Operationstag und an den zwei darauffolgenden Tagen:
Bei anhaltender Nachblutung, stärkeren Schwellungen, Fieber, starken Schmerzzuständen oder sonstigen Störungen des Allgemeinzustandes, die im Zusammenhang mit dem Eingriff stehen könnten sollte in jedem Fall der Behandler kontaktiert werden.
Mögliche
Komplikationen von oralchirurgischen Eingriffen?
In der Regel sind abgesehen von mäßigen
Schmerz- und Schwellungszuständen keine folgenschweren Komplikationen zu
befürchten.
Nachblutung
Infektion
Empfindungsstörungen
Kieferhöhleneröffnung
Verletzung benachbarter Wurzeln
Kieferbruch
Nachblutung
Sollte es nach einem oralchirurgischen Eingriff zu einer Blutung kommen, so
sollte man Mundspülungen unterlassen, diese regen die Blutung an. In der
Regel kann eine derartige Blutung mit einem Aufbißtupfer (z.B. sauberes
Stofftaschentuch) gestillt werden. Allein durch den Druck kommt es zum Stillstand
der Blutung. Zusätzlich helfen Eisbeutel, die von außen auf die Wange
aufgelegt werden. Sollte die Blutung damit nicht zum Stillstand kommen muss
Kontakt mit dem behandelnden Arzt aufgenommen werden.
Infektion
Grundsätzlich besteht die Möglichkeit einer Wundheilungsstörung
bzw. einer Wundinfektion. Als Patient merkt bemerkt man eine ausgeprägtere
Schwellung, Schluckbeschwerden oder einen unangenehmen Geschmack (Eiter!). Auch
fieberhafte Zustände wären ein Zeichen dafür. In jedem Fall sollte
Kontakt mit dem behandelnden Arzt aufgenommen werden.
Empfindungsstörung
Bei Eingriffen im Unterkieferseitenzahnbereich kann es zu einer mechanischen
Schädigung des Unterkiefernervs kommen. In der Folge kann es zu einer vorübergehenden,
selten dauerhaften Funktionsstörung des Nerven kommen. Dies äußert
sich vor allem in einem Taubheitsgefühl einer Unterlippenhälfte. Die
Lippenbeweglichkeit ist nicht beeinträchtigt.
Selten kann auch der an der Innenseite des Unterkiefers verlaufende Zungennerv
durch die Betäubungsspritze oder den operativen Eingriff geschädigt
werden. In der Folge kann es zu einem zeitlich begrenzten, gelegentlich dauernden
Taubheitsgefühl und zu Geschmacksstörungen im Bereich der betreffenden
Zungenhälfte kommen.
Kieferhöhleneröffnung
Bei oralchirurgischen Eingriffen im Oberkieferseitenzahnbereich kann es zur
Eröffnung der Kieferhöhle kommen. Es folgt dann ein entsprechender
Wundverschluss. Bei korrektem postoperativen Verhalten (für drei Wochen
Schneuzverbot, beim Niesen den Mund öffnen und stärkere körperliche
Anstrengung vermeiden) hat dies allerdings keine weiteren Folgen.
Verletzung
benachbarter Wurzeln
Bei engem Kontakt des Operationsgebietes zu benachbarten Zahnwurzeln ist eine
Verletzung selbiger nicht auszuschließen.
Kieferbruch
Unter extrem ungünstigen Voraussetzungen (Knochenabbau bei älteren
Patienten, Osteoporose, großen zystischen Veränderungen...) kann
es bei Eingriffen am Unterkiefer zu Frakturen kommen.
Entfernung
von retinierten Weisheitszähnen
Was
ist ein retinierter Zahn?
Zahn, der nicht bzw. nicht vollkommen durch das Zahnfleisch durchbricht.
Was
sind die Ursachen für eine Zahnretention?
Die letztendliche Ursache ist unklar. Verschiedene Faktoren werden diskutiert
bzw. für die Zahnretention verantwortlich gemacht:
Platzmangel (häufigste Ursache), Zahnverkippung, familiäre Häufung,
überzählige Zähne, angrenzende Zysten und Tumore.
Welche
Zähne bleiben am häufigsten retiniert?
Weisheitszähne (8er), Eckzähne (3er) und 2. Prämolaren (5er)
Als Richtwert bleiben die unteren Weisheitszähne in ungefähr 10 –
25% der Fälle retiniert.
Warum
bzw. wann werden retinierte Weisheitszähne entfernt?
Die häufigste Indikation zur Weisheitszahnentfernung sind Schmerzen und
Entzündungen im Bereich des durchbrechenden Weisheitszahnes (Dentitio
difficilis).
Weisheitszähne werden aber auch wegen Karies, Taschenbildungen, Wurzelresorptionen
und Zystenbildungen entfernt.
Abgesehen von diesen typischen therapeutischen Indikationen
werden Weisheitszähne auch als prophylaktische Maßnahme, um mögliche
zukünftige Beschwerden zu vermeiden, entfernt (prophylaktische
Indikationen). Zu den prophylaktischen Indikationen zählen auch
Weisheitszahnentfernungen im Rahmen von kieferorthopädischen Behandlungen.
Allgemein
kann gesagt werden, dass man vor allem mit der prophylaktischen Indikationsstellung
zur Weisheitszahnentfernung heute zurückhaltender ist. Der retinierte
Zahn per se ist keine Indikation zum operativen Eingreifen.
Wird allerdings eine prophylaktische Entfernung indiziert, so ist eine Entfernung
in jüngerem Alter anzustreben, da es postoperativ zu deutlich weniger Komplikationen
kommt.
Wie werden Weisheitszähne entfernt?
In den meisten Fällen können Weisheitszähne ambulant in örtlicher
Betäubung entfernt werden. Bei komplizierter Lage des Weisheitszahnes bzw.
wenn mehrere retinierte Zähne in einer Sitzung entfernt werden sollen,
kann auch die Indikation zur Entfernung in Narkose gestellt werden.
Operationsablauf:
Über eine entsprechende Schnittführung wird das Zahnfleisch über
dem retinierten Weisheitszahn vom Knochen abgehoben. Mit speziellen Knochenbohrern
wird der Knochen um die Zahnkrone des retinierten Zahnes entfernt. Um den Zahn
in der Folge entfernen zu können, ist es häufig zusätzlich notwendig
diesen in mehrere Teile zu durchtrennen.
Freilegung von retinierten Zähnen
Im Rahmen von einer kieferorthopädischen Therapie kann es sinnvoll sein einen retinierten Zahn chirurgisch freizulegen (und NICHT zu entfernen) und kieferorthopädisch in den Zahnbogen einzureihen. Die Entscheidung dazu sollte nach Möglichkeit zumindest vor dem 25. Lebensjahr fallen, da eine Einreihung zu einem späteren Zeitpunkt meist nicht mehr möglich ist. Ein retinierter Zahn knöchert mit der Zeit im Kieferknochen ein.
Operationsablauf:
Wie bei der Entfernung eines retinierten Zahnes wird die Zahnkrone freigelegt.
Dazu wird das Zahnfleisch vom Kieferknochen abgehoben und der die Zahnkrone
bedeckende Knochen entfernt. In weiterer Folge wird der Zahn allerdings nicht
entfernt. Auf die Zahnkrone wird ein kieferorthopädisches Bracket geklebt.
An dem Bracket hängt ein Ketterl, dass nach erfolgtem Wundverschluss aus
der Wunde ragt.
Kieferorthopädische Einreihung:
An dem Ketterl kann der retinierte Zahn mit speziellen Mechaniken vom Kieferorthopäden
langsam in die Zahnreihe gezogen bzw. eingereiht werden. Abhängig von der
Lage des retinierten Zahnes dauert das Einreihen bis zu 18 Monaten.
Grundsätzlich können Zähne bei ein und dem selben Individuum von einer Position auf eine andere transplantiert werden. Die Prognose für einen Behandlungserfolg ist vor allem dann gut, wenn der transplantierte Zahn noch im Keimstadium (Zahnkeimtransplantation) ist – das heißt, dass das Wurzelwachstum noch nicht abgeschlossen ist. Daraus ergibt sich, dass von Zahntransplantationen im Erwachsenenalter aus heutiger Sicht eher abzuraten ist.
Operationsablauf:
Bevor der zu transplantierende Zahn aus seiner ursprünglichen Position
entnommen wird, wird an der neuen Zahnposition ein entsprechendes Zahnfach präpariert.
Prinzipiell erfolgt die Entnahme des Transplantatzahnes ähnlich wie die
oben beschriebene Entfernung eines retinierten Zahnes (siehe Entfernung eines
retinierten Weisheitszahnes) – mit dem Unterschied, dass der Transplantatzahn
möglichst schonend und vorsichtig aus seiner ursprünglichen Lage gehoben
werden muss. Der Transplantatzahn wird, nach Möglichkeit ohne ihn aus der
Mundhöhle heraus zu holen, in das vorbereitete neue Zahnfach gesetzt und
wird für 4 Wochen elastisch zu seinen neuen Nachbarzähnen geschient.
Erfolgsrate: 90 – 100% bei entsprechender Indikationstellung
Wann
ist bei einem Zahn eine Wurzelspitzenresektion notwendig?
Devitale und wurzelbehandelte Zähne können an der Wurzelspitze und
im umgebenden Knochen entzündliche Prozesse aufweisen – Wurzelspitzengranulome
oder radikuläre Kieferzysten. Die Ursache ist eine bakterielle
Infektion des Wurzelkanals. In den meisten Fällen kann man diese Entzündungsprozesse
mit einer fachgerechten Wurzelbehandlung sanieren. Wenn eine Wurzelbehandlung
aufgrund einer Kronenversorgung des Zahnes nicht mehr möglich ist bzw.
der Entzündungsprozess trotz fachgerechter Wurzelbehandlung fortschreitet,
dann ist zur Erhaltung des Zahnes eine Wurzelspitzenresektion notwendig.
Was passiert bei einer Wurzelspitzenresektion?
Im Normalfall wird der Eingriff ambulant in örtlicher Betäubung durchgeführt. Das über den Wurzeln liegende Zahnfleisch wird vom Knochen abgehoben und mit speziellen Bohrern wird die Zahnwurzel, kleinräumig im Bereich der Wurzelspitze freigelegt. Das Wurzelspitzengranulom bzw. die radikuläre Kieferzyste werden entfernt. Der in den Entzündungsprozess ragende unterste Teil der Wurzelspitze wird abgetrennt. Der verbleibende Wurzelstumpf wird geglättet. Für den Behandlungserfolg ist es entscheidend, dass im Zuge der Wurzelspitzenresektion die Wurzelfüllung im Bereich der verbleibenden Wurzelspitze erneuert wird. Dabei ist höchste Präzision unerlässlich. In der modernen oralen Chirurgie werden derartige Eingriffe mit Lupenbrillen bzw, unter dem Operationsmikroskop durchgeführt.
Wie sicher kann man einen Zahn mit einer Wurzelspitzenresektion erhalten?
Der Erfolg einer Wurzelspitzenresektion hängt zu einem großen Teil von der Vorbehandlung (korrekte Wurzelbehandlung) bzw. vom Zustand des Zahnhalteapparates ab. Bei entsprechender Vorbehandlung und richtiger Indikationstellung liegt die Erfolgsrate abhängig auch von der Zahnposition zwischen 80 und 100%.
Entfernung von Kieferzysten und Kiefertumoren
Was
sind Kieferzysten?
Kieferzysten sind mit Epithel ausgekleidete, mit Flüssigkeit gefüllte
Hohlräume im Kieferknochen, die unterschiedlich schnell wachsen. Sie können
entzündlich (siehe auch Wurzelspitzenresektion - radikuläre Zysten)
oder durch Entwicklungsstörung bedingt sein. In der Regel handelt es sich
um gutartige Veränderungen, die allerdings ein sehr großes Ausmaß
bekommen können. Bei sehr großer Zystenausdehnung ist die Kieferfraktur
eine mögliche Folge.
Was sind Kiefertumore?
Kiefertumore sind in den meisten Fällen gutartige Veränderungen, die aber teilweise lokal aggressiv wachsen. Bösartige Tumore bzw. auch Metastasen anderer Tumore kommen im Kieferknochen selten vor.
Wie bemerkt man eine Kieferzyste bzw. einen Kiefertumor?
In den meisten Fällen ergibt sich die Diagnose einer Kieferzyste bzw. eines Kiefertumors als röntgenologischer Zufallsbefund im Rahmen einer routinemäßigen Vorsorge- oder Kontrolluntersuchung beim Zahnarzt. Erst in sehr fortgeschrittenem Stadium bemerkt der Patient eine Schwellung oder Empfindungsstörungen. Wenn sich Kieferzysten entzünden kann es zusätzlich zu Schmerzen kommen.
Welche Folgen hat die Diagnose einer Kieferzyste/eines Kiefertumors?
Da es sich in den meisten Fällen um eine gutartige Veränderung handelt ist nach chirurgischer Entfernung eine vollkommene Ausheilung zu erwarten. Bei großer Ausdehnung wird vor der Operation zur Operationsplanung eine Computertomographie durchgeführt. Die Operation kann meist ambulant in örtlicher Betäubung erfolgen. Bei Verdacht auf einen bösartigen Prozess wird vor einer operativen Entfernung eine Gewebeprobe entnommen.
Wie wird eine Kieferzyste/ein Kiefertumor entfernt?
In der Regel
kann man sowohl Kieferzysten als auch Kiefertumore in örtlicher Betäubung
ambulant entfernen. Größere und vor allem aggressiv wachsende Läsionen
werden in Allgemeinnarkose unter stationären Bedingungen entfernt.
Im wesentlichen werden die meisten Zysten und auch Tumore stumpf aus dem Knochen
herausgeschält ohne gesunden umliegenden Knochen zu entfernen. Nach der
Entfernung der Zyste/des Tumors heilt die bleibende Knochenhöhle im Normalfall
wieder komplett aus.
Wie sieht die Nachsorge aus?
Nach 3 und 6 Monaten wird die Knochenregeneration röntgenologisch kontrolliert. Bei aggressiv wachsenden Läsionen muß in weiterer Folge jährlich eine Röntgenkontrolle durchgeführt werden, um ein mögliches Wiederauftreten der Zyste/des Tumors früh zu erkennen.